Gesellschaft
Ruge, Manfred – Wenn Vater heimkommt...
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Das knallgelbe Rennrad im Kaufhaus der Kreisstadt war mein Traum. Damit konnte ich mit den Freunden gleichziehen und bei den täglichen Ausfahrten dazugehören. Das Damenrad meiner Mutter konnte ihrem Tempo nie mithalten.
Bei der Weinlese hatte ich Geld verdient, Mutter gab mir den Rest zu meinem Glück dazu. Es war unglaublich viel Geld für mich. Ich ließ es mir nicht nehmen, die 20 Kilometer mit meinem neuen Rennrad nach Hause zu fahren. Ich war der glücklichste und stolzeste Junge der Welt.
Vaters Fahrrad hatte einen festen Standplatz im Hof. Einige Tage nach meinem Neuerwerb erlaubte ich mir, das Rennrad genau dort abzustellen. Wenige Stunden später war mein Vater zurückgekommen, das Rennrad war verschwunden. Eingehüllt in den üblichen Alkoholdunst, begegnete er meinem suchenden Blick mit einem hämischen Grinsen. Ich fragte ihn, wo mein Rennrad sei. Er sagte nur trocken und gefühllos: »Es ist da, wo es hin gehört«.
Mein Blick wanderte durch den Hof und blieb an der Mülltonne hängen, deren Deckel etwas offen stand. Das konnte nicht wahr sein. Die wenigen Meter zur Tonne wurden zur Ewigkeit. Jeder Zentimeter war mir gewahr. Ich öffnete den Deckel. Mein knallgelbes Rennrad steckte, in handliche Stücke zerkleinert, im Müll.
In diesem Moment starb ein Teil meiner Seele. In diesen Sekunden schwor ich mir, ihn irgendwann umzubringen.
Die Nachbarn hatten eine große Küche mit einem riesigen Esstisch. Zu den Mahlzeiten saß die ganze Familie um den Tisch, jeder an seinem festen Platz und ich mittendrin. In der Regel bekam jeder ein Stück Fleisch oder Bratwurst. Da ich aber oft außer der Reihe zum Essen dort blieb, gab jeder ein kleines Stück seines Fleisches an mich ab. Dies war ein Ritual, mit einer unschätzbaren Bedeutung für mich. Die Familie war katholisch und sehr gläubig. Für sie war es ein selbstverständlicher Akt der Nächstenliebe. Für mich war es aber bedeutend mehr.
In Gesprächen mit der Frau in den letzten Jahren wurde auch unsere Situation als Kinder unter der Tyrannei unseres Vaters thematisiert. Es war erstaunlich, wie viel unsere Nachbarschaft von unserem Schicksal mitbekommen hat. Sie schilderte mir Situationen, die ich längst verdrängt hatte. Ich muss wohl sehr oft vor den brutalen Ausbrüchen unseres Vaters zu ihnen geflüchtet sein. Dort wurde ich aufgefangen und nie abgewiesen. Es war für mich ein Ort, an dem ich mich sicher und geborgen fühlte. An ein Erlebnis kann ich mich jedoch noch genau erinnern.
Es war zur Weihnachtszeit. Ich muss noch keine 10 Jahre alt gewesen sein. In unserer kleinen Küche stand mittig an der Wand ein Herd, links daneben ein Ölofen. Mit dem wurde die Küche und das kaum größere Ess- und Wohnzimmer geheizt. Rechts neben dem Herd stand ein Kühlschrank. An der Wand gegenüber stand eine Anrichte. Darauf stand immer unser Weihnachtsbaum, der mit bunten Kugeln, Lametta und echten Kerzen geschmückt war.
Eines Tages wollte ich die Kerzen des Weihnachtsbaumes anzünden, hatte aber weder Feuerzeug noch Streichhölzer zur Hand. Ich versuchte, eine Kerze an der heißen Oberfläche des Ölofens zu entflammen.Das funktionierte natürlich nicht. Im Gegenteil. Irgendwann wurde es mir an den Fingern zu heiß und ich ließ die Kerze auf die heiße Platte fallen. Die Kerze schmolz sofort und im nächsten Augenblick hatte sich das Kerzenwachs entzündet und die Oberfläche des Ofens stand in Flammen.
Ich flüchtete panikartig über die Straße in die Sicherheit. Dort saß man in der großen Wohnküche zusammen und sah fern. Ich setzte mich kommentarlos dazu, was für die Anwesenden keine Besonderheit war. Wenige Stunden später, als sich zu Hause die Wogen wieder geglättet hatten, kam meine Mutter mich abzuholen und erzählte, was vorgefallen war.
Dieses Fluchtverhalten habe ich teilweise heute noch drauf. Es liegt daran, dass wir als Kinder nicht lernten, uns Problemen zu stellen, weil Probleme nicht besprochen, sondern kommentarlos bestraft wurden. Ich kann mich nicht an einen einzigen Fall erinnern, wo ein entstandenes Problem ausdiskutiert oder auch nur vernünftig besprochen worden wäre. Entweder es wurde bagatellisiert, meist dann, wenn ich der Verursacher des Problems war. Oder es wurde mit Prügel oder verbalen Wutausbrüchen unseres Vaters bestraft. Oft war die Flucht das einzige Mittel, einer Prügelstrafe zu entgehen. Meine Schwestern sind meist zur Oma geflüchtet und dann oft tagelang dort geblieben. Teilweise haben sie abwechselnd Wochen, sogar Monate, bei Oma und Tante gewohnt.
[…]
Es zeigte sich sehr bald, dass Vater als Ehemann und Familienvater völlig überfordert war. Heute würde man ihn einen Hallodri nennen. Er hatte in einer Musikkapelle gespielt und war eigentlich nur darauf fixiert, mit Freunden um die Häuser zu ziehen, viel zu trinken und Party zu machen. Dies war mit einem Familienleben nicht mehr zu vereinbaren. Er wurde sehr unglücklich und stürzte sich immer mehr in den Alkohol.
Mutter war eine sehr attraktive Frau. Sie war in jeder Lebenssituation gut gekleidet und vernachlässigte nie ihr Äußeres. Am liebsten trug sie knielange Röcke mit einer Bluse oder einem Pullover. Ihre Frisur war ebenfalls immer tadellos, wofür später dann auch meine Schwester Ursula als gelernte Friseurin sorgte. „Irm“, von Irmtraud, so wurde sie genannt, war äußerst beliebt und geachtet. Man zollte ihr überall Respekt und es war ein Genuss, mit ihr im Dorf einkaufen zu gehen. Alle hatten immer ein freundliches und aufmunterndes Wort für sie.
Sie war ungefähr 1,70 Meter groß, hatte einen auf mich als Kind riesig wirkenden Busen und war mittelschlank. Meine Mutter war ein geselliger Typ, lebenslustig, hatte gerne Freundschaften mit anderen Frauen, meist Arbeitskolleginnen oder Nachbarinnen. Sie hatte jedoch leider nicht viel Zeit, diese Freundschaften außerhalb der Arbeit zu pflegen. Zwei Jobs waren normal, einen vormittags, einen am späten Nachmittag bis in den Abend hinein. Zu manchen Zeiten hatte sie sogar drei Jobs und eine Arbeitszeit von 12 Stunden täglich. Zusätzlich war ein 8-Personen-Haushalt zu bewirtschaften. Ich schreibe es ihrer nervlichen und körperlichen Belastung zu, dass sie in jeder Hinsicht extrem sein konnte. Sie konnte sehr liebevoll, mütterlich und hilfsbereit sein. Sie hätte für uns Kinder jederzeit ihr Leben gegeben. Jedoch konnte sie nicht nur psychisch, sondern auch körperlich gewalttätig gegen uns Kinder sein. Ich bin aber überzeugt, dass wir Kinder dies immer gespürt und auch verstanden haben. Körperliche Übergriffe auf uns gab es immer nur dann, wenn sie nervlich am Ende war und keinen anderen Ausweg mehr sah. Diese Tatsache hat uns Kinder sehr leicht verzeihen lassen.
Niemand dachte ernsthaft an das Thema Verhütung. So kam dann ein Kind nach dem anderen, und wir waren, Vater 29 und Mutter 26-jährig, eine achtköpfige Familie. Für Vaters Lebensplanung und Lebenseinstellung eine absolute Katastrophe. Sein beruflicher und sozialer Niedergang waren vorprogrammiert. Ein Zeichen seiner Flucht vor diesem Leben war die Tatsache, dass er Jobs als Fernfahrer suchte, um möglichst lange von der Lebenssituation »Familie« getrennt sein zu können.
Den guten Verdienst als Fernfahrer brauchte er zum Großteil für sich selbst, um seinen Alkoholkonsum zu finanzieren. Ohne Mutter als fleißige und sparsame Hausfrau und Oma im Hintergrund hätten wir nicht genügend zu essen gehabt.
2009, 146 S. Paperback, 9,90 €, ISBN 978-3-941848-00-9
Kurun, Zöhre - Ein Viertel des Lebens
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Zöhre hatte eine glückliche Kindheit in Ostanatolien in der Türkei der sechziger/ siebziger Jahre.
Mit dem Umzug nach Deutschland beginnt eine schwere Zeit. Hierher ziehen viele traditionsgebundene Familien, denen die Küsten und Großstädte der Türkei zu modern geworden sind.
Mit 19 Jahren wird Zöhre zwangsverheiratet. Sie trägt es mit Fassung, denn immerhin kommt sie so von der Willkürherrschaft ihrer gehässigen Mutter los. Der Ehemann entpuppt sich jedoch als Tyrann. Voller Angst vor ihm, vor der Mutter, der Familienehre und dem drohenden Ehrenmord durchlebt sie ständigen Missbrauch und den kalten Egoismus eines Mannes, der sie nur als Einreisegarantie nach Deutschland benutzt hat.
Bei einem psychologischen Test ihres Sohnes, der nicht sprechen lernen will, vergibt sie sich die erste Chance zur Freiheit. Als die Ärztin dem Jungen Farbtafeln vorlegt, sagt der Sohn zu Rot "Blut". Zum allerersten Mal traut sich Zöhre überhaupt, mit einem Menschen über ihr Privatleben zu sprechen.
Doch erst ein Todesfall, Jahre später, gibt ihr die Kraft zum Widerstand. Ohne Behördenhilfe beginnt sie den Kampf aus purer Verzweiflung. Ihr Mut lässt sie siegen. Dann erst findet sie zu den Behörden, die ihr dauerhaft Rückendeckung geben.
Integration wird zum Befreiungsprozess.
Zöhre hat zwei Berufe gelernt, ihren Sohn allein großgezogen und arbeitet weiterhin in einem Elektronikmarkt.
Wenn die Familie nicht gewesen wäre, hätte sie studiert. Jura. Die Scheidung, der Kampf gegen Todesdrohung und eine verlogene Familienehre haben sie jedoch reifen lassen und mit ihrem Buch, das sie ohne Pseudonym schreibt, hat sie eine alternative Matura erworben, die ihr vielleicht doch noch Wege ebnen kann, an die sie noch gar nicht zu denken wagt.
Jetzt will sie anderen Frauen helfen. Allein ihr Beispiel hat in der Stadt am Rhein bereits 10 Frauen zu Scheidungen von unglücklichen Ehen animiert. Sie selbst hat mit der türkischen Gesellschaft gebrochen. Sie ist Deutsche.
Zöhre ist aktiv und engagiert sich. Sie schreibt Gedichte, das nächste Buch, macht Lesungen, Interviews, Reisen. So langsam krempelt sie ihr Leben endgültig um.
140 Seiten, broschierte Ausgabe 9,90 Euro
ISBN 978-3-941848-08-5